Panikformeln. Einige ideologische Framings von Katastrophenüberlebenden.

(Dieser Artikel entstand im Rahmen der Tagung “Flüchtige Bilder” des Projekts Bildkontexte 2016. Ich habe bewusst die im Text besprochenen Bilder mit rassistischen Stereotypen als Illustrationen ausgelassen, um sie nicht noch weiter zu verbreiten — sie sind ggf. über Links einsehbar)

1. Zwei Verben

Im August 2005 brach über New Orleans eine gut sechs Meter hohe Flutwelle hinweg und riss große Teile der urbanen Infrastruktur und Gesellschaftsordnung mit sich. Weggespült oder — nach anderer Auslegung — freigelegt wurden ebenso Vorstellungen gemeinschaftlicher Identität innerhalb der heterogenen US-amerikanischen Gesellschaft. Aus unterschiedlichen Perspektiven nahmen die Menschen, die die Katastrophe überlebt hatten, unterschiedliche Rollen ein; der Kampf um die Deutungshoheit über diese Rollen wurde zum Teil der Anstrengungen, nach der Zerstörung der Stadt wieder zum Alltag zurückzukehren. Ein Bilderpaar diente als unfreiwillige Illustration dieses Konflikts: Beide Photos zeigen jeweils eine beziehungsweise zwei Personen, die durch fast brusthohes Wasser waten und dabei Nahrungsmittel und andere Güter mit sich tragen. In beiden Fällen ist der Ausschnitt so gewählt, dass die Menschen isoliert inmitten der grauen Wasserfläche zu sehen sind; weitere Informationen über die Umgebung, Gebäude oder weitere Menschen werden von diesen Bildern nicht geboten.

Dekret des Bürgermeisters, 18. April 1906 (Library of Congress)

2. Die panische Masse im Wandel der Zeiten

Wenn eine Katastrophe eintritt, kommen auch die Infrastrukturen des Alltags zu Schaden: Menschen können nicht länger an die Orte, an denen sie Schlafen, Essen und Arbeiten, an denen gewöhnlich für die Notwendigkeiten ihres Lebens gesorgt wird und die zudem dieses Leben mit Bedeutung aufladen. 1906 mussten Tausende provisorisch in schnell errichteten Holzhütten in den Parks San Franciscos Zuflucht nehmen; 2005 gerieten die sogenannten FEMA-Trailer, deren minderwertige Herstellung sich als Gesundheitsrisiko herausstellte, ebenso zum Skandal wie die mangelnde Versorgung der sich in der Arena Superdome selbst überlassenen Überlebenden. Ob diese Menschen dann als ‚Flüchtlinge‘ bezeichnet werden, kann selbst ein Politikum sein. 1906 wurde der Begriff ‚refugees‘ für die Überlebenden an der Westküste nicht hinterfragt — ein Jahrhundert später an der Ostküste geriet er in Kritik, da die Menschen schließlich keine Bewegung über Landesgrenzen heraus vollzogen hatten, sondern lediglich aus ihren Häusern evakuiert wurden. Wie die Anthropologin Adeline Masquelier schreibt, beraubte der Begriff des ‚refugees‘ die Überlebenden gewissermaßen ihrer Staatszugehörigkeit — was einen Affront insbesondere für die Armen und Diskriminierten bedeutete, denen nach der Flut tatsächlich noch die grundlegendsten Hilfeleistungen versagt blieben. ‚Refugee‘ zu sein hieß in diesem Sinne, durch den eigenen Staat auf dessen eigenem Territorium ausgeschlossen worden zu sein.

Albrecht Dürer, Lot und seine Töchter (National Gallery of Art, Washington D.C.)
Lucas van Leyden zugeschrieben, Lot und seine Töchter (Louvre, R.F. 1185.)
Warhafftige vnd erschröckliche Newe Zeittung, 1618 (Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)
Karl Pawlowitsch Brjullow, Der letzte Tag von Pompeji, 1827–1833 (Russisches Museum, St. Petersburg)
“Camping in the Golden Gate Park”, Illustration in The San Francisco Calamity by Earthquake and Fire, 1906
Maynard Dixon, Illustration zu Amelia Woodward Truesdell, Francisca Reina, 1908
Arnold Genthe, San Francisco Earthquake, 1906 (Library of Congress)

3. Fremde und Fluten

Menschen in Krisensituationen sind nicht nur ‚panisch‘ (oder eben nicht), sondern auch zumindest vorübergehend fremd. Dies ist der Kern des Problems um „refugees“ oder „evakuees“ und zugleich Grundlage für (Bild-)Strategien, die im Moment der Krise bestimmte Personengruppen als Fremde und als Multiplikatoren oder gar Auslöser der Krise selbst kennzeichnen sollen. ‚Die Chinesen‘ handeln 1906 nicht nur irrational, sie können sich zudem nicht verständlich machen — „jabbering“, wie Harry Carr schrieb, oder gleich „auf Gongs schlagend und wie Wahnsinnige brüllend“. Gleich aussehen tun sie alle ohnehin. Es ist daher naheliegend, dass die Rhetorik und die Bildformeln des Katastrophalen sich mit denjenigen der Fremdenfeindlichkeit überschneiden. Dies beginnt damit, dass das jeweils eine als Metapher oder Allegorie für das jeweils andere nutzbar gemacht wird.

Literatur

Zu San Francisco 1906:

Writer, researcher. Interested in ideas about history & historicity, and their mediation in arts & pop culture.

Writer, researcher. Interested in ideas about history & historicity, and their mediation in arts & pop culture.