Kunst in Zeiten des disziplinarisch-korporatistischen Komplexes

Fraktale des Nutzlosen

Das alles ist nicht neu. Bereits 1970 polemisierte Buckminster Fuller gegen dieses Phänomen, als es um die Arbeitswelt seiner Zeit ging: „So we have inspectors of inspectors and people making instruments for inspectors to inspect inspectors.“² Auch ein bisheriges Q & A zu den Quality Metrics liest sich vor allem wie eine Fraktale von bei unterschiedlichen Agenturen in Auftrag gegebenen ‚Untersuchungen‘ und ‚Bewertungen‘ dieser ‚Untersuchungen‘; für alle diese wurde bereits eine Summe ausgegeben, die mehrere große Ausstellungen ermöglichen oder auch die Existenz kleinerer Kunsträume gleich einer gesamten Region für ein gutes Jahr hätte sichern können. Dass die mit der im Herbst 2018 anlaufenden Umsetzung der Quality Metrics beauftragte Firma den Namen Counting What Counts trägt, könnte kaum passender sein (selbst wenn die Gründung einer weiteren Firma Counting What Counts What Counts für die weiteren Schritte des Projekts wohl noch aussteht).³

Arbeitsagentur, Karlsruhe

Ins Getriebe geraten

Dieser letzte Punkt ist nicht trivial. Während die Disziplinierung der Menschen historisch eine staatliche Funktion war, wird sie heute gerade durch ihre Privatisierung bestimmt. Das Erfassen und Maßregeln von Menschen als Dienstleistung erfordert dabei eine verwaltbare Masse an Delinquenten; was für den Autor rückblickend noch zur bizarren Episode verblasst, findet in weitaus kritischeren Zusammenhängen seine Entsprechungen. Die extremste — zynisch gesagt vielleicht reinste Form –, in der der disziplinarisch-korporatistische Komplex auftritt, ist der privatisierte Strafvollzug, wie er vor allem in den USA weiterhin in gewaltigem Ausmaß betrieben wird (eine Verordnung der Obama-Regierung von 2016, die diese Praxis beenden sollte, wurde durch die Trump-Regierung bereits 2017 wieder annulliert).⁶ Zur Erhaltung des Geschäfts ist es notwendig, dass den Dienstleistern kontinuierlich Delinquenten zur Verfügung gestellt werden: In den USA ist der Staat selbst teilweise vertraglich verpflichtet, den privaten Strafvollzugs-Firmen eine bestimmte Zahl an Insassen zu liefern oder für die verfehlte ‚Quote‘ einzustehen.

Context WAE, Karlsruhe

Panische Institutionen

Selbst wenn dieses System ins Reich der Wirtschaft gehört, ist es nicht unbedingt wirtschaftlich. Gefängnisbetreiber in den USA erhalten einen zweistelligen Dollarbetrag pro Tag und Insassen vom Staat (im Flurfunk bei Context kursierte die Zahl von 60 € täglich pro Person, die von der Arbeitsagentur gezahlt wurden); damit müssen nicht nur die Einrichtungen betrieben, sondern gegebenenfalls Gewinne erwirtschaftet werden. Oftmals führt das (falsche) Versprechen einer Kostensenkung durch Privatisierung effektiv zu einer Verschlechterung der Verhältnisse. Dies beginnt mit dem ausgemusterten Elektronikschrott in den Arbeitsräumen von Context und führt zu den unqualifizierten und entsprechend überforderten Arbeitskräften, von denen regelmäßig in Zusammenhang mit privatem Strafvollzug und aktuell dem ‚Management‘ der Flüchtlingskrise berichtet wird. Als die Context WAE 2016 durch ein Insolvenzverfahren ging, landeten die ‚Schulungscomputer‘ zwar tatsächlich auf dem Schrott — ihre Innereien über einen ghanaischen Wiederverwerter dennoch mitsamt der darauf gespeicherten Daten wieder auf dem Markt; „im Zuge unserer Insolvenz sind hier viele Dinge durcheinandergegangen, durch die sehr anstrengende Ausnahmesituation war es außerordentlich schwierig“, so der damalige Geschäftsführer zum Bild-Reporter.⁹

Casa Padre, Brownswille, Texas, USA

Wer Qualifiziert die Qualifizierenden?

Die Unterwerfung der Kunst unter den disziplinarisch-korporatistischen Komplex ist das kleinste Problem, aber vielleicht das darin symbolischste. Ob nun in England — das ohnehin in der Privatisierung sozialer Strukturen eine bisweilen tragische Vorreiterrolle spielt¹⁶ — neue bullshit jobs im Kulturbereich geschaffen werden, ist nicht einmal zentral, selbst wenn es wesentliche Hinweise für das ganze Ausmaß des Problems liefert. Augenfällig ist zuallererst, dass Kunst hier als eine Dienstleistung verstanden wird, die eben mehr oder weniger zufriedenstellend ausgeübt werden kann. Tatsächlich ließen sich alle der Quality Metrics auf kommerzielle Kulturprodukte anwenden: Auch ein Popalbum, ein Kinofilm oder ein Videospiel kann um eine „interessante Idee“ kreisen und „etwas über die Welt aussagen, in der wir leben“; auch DJs oder Comiczeichner*innen können sich selbst in ihrer Arbeit vor eine Herausforderung stellen. Der einzige Unterschied ist, dass die Kunst hier als gesellschaftliche Praxis verstanden und aus öffentlicher Hand bezahlt wird. Welche Konsequenzen hat es nun, wenn die Kunst dem disziplinarisch-korporatistischen Komplex eingemeindet wird? Sobald künstlerische Praxis sich durch ein privates Unternehmen ‚bewerten‘ lassen muss, um weiterhin gefördert zu werden, wird Kunst unweigerlich auf ihre Bewertung hin produziert; der Zweck des künstlerischen Projekts ist dann die Erfüllung bestimmter — wenn auch diffuser — Vorgaben.

Zitadelle Spandau, Berlin.

Was zählt jetzt?

David Graeber kommt in seinem Artikel zu einem überraschenden Schluss. Parallel zur endlosen Vervielfältigung nutzloser Verwaltungstätigkeiten wird, als Folge eines gewissermaßen psychologischen Konflikts, die Prekarisierung der arbeitenden Bevölkerung vorangetrieben — als eine Rache an denen, die tatsächlich eine sinnvolle Arbeit ausüben: „It’s as if they are being told ‚but you get to teach children! Or make cars! You get to have real jobs! And on top of that you have the nerve to also expect middle-class pensions and health care?‘“¹⁸ Was Graeber hier noch ironisch paraphrasiert, ist freilich in der Kunstszene auf anderer Ebene tief verankert — die Vorstellung, dass das Kunstschaffen einen zureichenden emotionellen Wert bietet, um nicht noch bezahlt werden zu müssen. Kunst wird so zum wunderlichsten Artefakt kapitalistischer Entfremdung: Etwas, das hergestellt wird, ohne dass die Herstellung Arbeit wäre. Ob auch hier die von Graeber beschriebene Missgunst hineinspielt, also dass Kunstschaffende dafür bestraft werden sollen, dass ihre Arbeit im Gegensatz zu den bullshit jobs tatsächlich Bedeutung hat, wirft uns auf die Eingangsfrage zurück: Was taugt die Kunst?

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Writer, researcher. Interested in ideas about history & historicity, and their mediation in arts & pop culture.

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Jacob Birken

Jacob Birken

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