Die Kriege der Zukunft [SE01 EP06]

Jacob Birken
25 min readJun 2, 2019

Was bisher geschah: Anita Pastor will mithilfe des Untergrunds auf Gliese Pacifica ein Sicherheitsorgan sabotieren. Auf Selene herrscht bereits Unsicherheit, was viele Dinge angeht. Lucia Lem hat einen diffusen Verdacht, während Elvis ersten Kontakt mit den Selenen aufnimmt.

„Morgenröte“

Der Kandidat war in jungen Jahren ein Neuwolf gewesen, aber das hatte selbstverständlich seiner weiteren Karriere nicht geschadet. Anita Pastor hatte ein Video gefunden, wo er mit freiem Oberkörper irgendwelche Gerüste hochkletterte und Kniebeugen machte, während er einen Kanister über den Kopf stemmte; es ging wohl darum, Trainingsmethoden für richtige Männer anzupreisen und letztere dadurch aus der Verweichlichung der gegenwärtigen Gesellschaft zu erretten. Als Anita ihr das Video zeigte, machte Mette ein Geräusch, in dem irgendwo ein Lachen versteckt war. Die nächste Station im Lebenslauf des Kandidaten war beim Wachpersonal von Veranstaltungen der Partei für Planetare Selbstbestimmung. Wo die Neuwölfe sich bei ihren Treffen irgendwo abseits der Städte noch als Rudel oder Stämme bezeichneten, waren die Personenschützer der Partei bereits eine ‚Organisation‘; ihre Uniformen und Parolen hatten dabei genauso sehr oder genauso wenig konkrete Vorbilder wie die ‚Kulturen‘, auf die sich die Neuwölfe beriefen. Es dauerte nicht lange, bis die Partei zum Staatsapparat und der Personenschützer zu einem Polizeioffizier geworden war; Anita fragte sich, ob er zu irgendeinem Zeitpunkt auf Gliese Atlantica ihre Akte auf dem Schirm gehabt hatte. Und wenn, dachte sie. Das ist jetzt nichts Persönliches, wie die Leute in den Befreiten Sektoren zu sagen pflegten, wenn jemand anderes zu ihrem Vorteil zu Schaden kam.

Der Kandidat hatte seinen Job jedenfalls so gut gemacht, dass er nach einigen Jahren nach Gliese Pacifica geschickt wurde, um hier in eher repräsentativer Funktion den Polizeiapparat auf Linie zu bringen. Jetzt lebte er mit seiner Familie am Rand der Hauptstadt. Jeden Morgen schob sich das hohe Tor in der Mauer um das Grundstück auf und der glänzende schwarze Gleiter des Kandidaten auf die Straße hinaus; der Pfad hinter dem Tor war so gebogen, dass vom Grundstück nicht viel mehr zu sehen war als Sträucher und eine Böschung und die Spitzen der Zypressen, die über die Mauer hinausragten. Eine Viertelstunde später parkte er den Gleiter in der Tiefgarage des Kommissariats, und wenn er nicht einen Auswärtstermin wahrnehmen musste, verließ er das gewaltige Gebäude im Stadtzentrum nicht, bevor es Abend geworden war. Auswärtstermine waren jedoch selten, da in seiner aktuellen Position die Menschen eher zu ihm kamen, als dass er sie aufsuchen musste.

Er war nicht der einzige auf der Liste, die Mette irgendwoher beschafft hatte. Auf ihr waren alle Personen verzeichnet, die Zugriff auf die DNA-Überwachung auf Gliese Pacifica hatten. Es war zweifelhaft, ob der Kandidat jemals davon Gebrauch machte, denn schließlich war er kein Ingenieur oder Sicherheitsexperte; er hatte diese Befugnisse wohl deshalb, weil sie jemand weiter oben in der Hierarchie der Polizei haben musste. Anita und Mette waren einen Nachmittag lang die gesamte Liste durchgegangen. „Alkoholiker“, sagte Anita mit einem Blick auf die Bildergalerie zu einem der anderen Kandidaten, „und dieser auch.“

„Den auch nicht“, sagte Mette, „der ist kompromittiert. Keine Ahnung, ob das jemals aufgeflogen ist, aber vielleicht wird er selbst überwacht.“

Am Ende blieb so nur der eine Kandidat übrig: Er schien unangreifbar, und so würde der Verdacht kaum auf ihn fallen und eine Untersuchung sich im besten Falle vorerst in falschen Fährten verlieren. Es kam natürlich auch darauf an, dass der Kandidat selbst keinen Verdacht schöpfte. Wenn alles nach Plan ging, würde er niemals erfahren, dass er zum Werkzeug für diesen Anschlag geworden war.

„Weißt du, wie diese Software funktioniert?“, fragte Anita, nachdem sie diesen Teil der Recherche also abgeschlossen hatten.

„Ich kann es mir vorstellen“, sagte Mette.

„Gut. Wir sollten uns noch ein paar Tage vorbereiten, ich denke, nicht mehr als fünf. Ich werde herausfinden, wie wir an diesen Mann herankommen. Versuch du dir eine andere Weise vorzustellen, wie diese Software funktioniert, und sobald du das kannst, mach einfach weiter.“

🌠

Nach einigen Tagen hatte Elvis erkannt, dass Rachel nicht besonders ordentlich war, sondern einfach nur einer kleinen Auswahl von Dingen in ihrem Haus viel Aufmerksamkeit schenkte. Es kam vor, dass sie mitten in einem Gespräch aufstand, um eine Vase um einige wenige Zentimeter zu verrücken und dann am anderen Ende des Zimmers achtlos einen Stapel der auf diesem Planeten wohl üblichen Einwegbücher zu einem anderen Stapel zu schieben, um hier eine Topfpflanze umstellen zu können. Die Gesamtkomposition stellte sie aber meistens nicht allzu lange zufrieden.

Rachel hatte Elvis recht schnell und ohne viel Aufhebens in ihr Leben gelassen. In der Siedlung hatte er mitgehört, dass die aus den Befreiten Sektoren geflüchteten Menschen sich hier zwar weitgehend sicher und gut versorgt fühlten, aber wenig willkommen, als wäre es den Selenen schlichtweg egal. Das war nicht der Punkt, dachte er dann; für die Selenen war wohl bereits alles damit gesagt, dass sie einen auf den Planeten oder in ihre Nähe ließen.

Bald darauf hatte Rachel allerdings einen Anruf bekommen und war mit der Galaktischen Patrouille ins Weltall verschwunden, dem Krieg entgegen. „Das könnte länger dauern“, hatte sie gesagt. Elvis war in dem leeren Haus zurückgeblieben, mit den Bücherstapeln, aus denen er nicht weiter schlau wurde. Nicht, weil die Bücher selbst unverständlich blieben; viele waren Romane und so auch unterhaltsam genug. Was er nicht verstand, war der Zusammenhang, und womit sich Rachel tatsächlich beschäftigte. Neben ihrem Futon bedeckten Zettel und Notizhefte den Boden, in die sie Zitate und vor allem Fragen eintrug; dann saß sie manchmal über den Heften am Küchentisch und kaute an ihrem Stift, bis sie schließlich zu einem Schluss kam und eine neue Frage unter die anderen schrieb, diesmal vielleicht mehrfach unterstrichen. Am Morgen nach ihrer Abreise hatte Elvis recht lange im Bett gelegen und versucht, aus diesen Notizen irgendetwas abzuleiten, aber für ihn blieb es weiterhin bei seiner ersten Frage, worum es da überhaupt ging. Danach stellte er ein paar Vasen um und hängte ein paar Bilder an neue Stellen, aber Rachels letzte Ordnung schien dann überzeugender, und so brachte er alle wieder an den früheren Platz, bevor er sich auf die lange Wanderung zurück in die Siedlung machte.

🌠🌠

Wenn man sich nahe genug vor einen der Türme stellte, sah man nichts mehr. Auf Augenhöhe wölbte sich die Betonmauer nur so unmerklich, dass sie bei einem Blick nach links oder rechts eine Art vertikalen Horizont zu bilden schien. Schaute man hinauf, verlor sich der Turm meistens irgendwo in den Wolken. Nichts an dem grauen Monolithen ließ sich dann noch in irgendeinen Maßstab bringen, und ganz sicher nicht in einen menschlichen. Der Turm, vor dem Lucia Lem gerade stand, war einst mitten in die Hügel Selenes gebaut worden wie alle anderen, doch nun hatte ihn eine der neuen Siedlungen eingeholt. Auch so blieb klar, dass der Turm selbst nichts mit Architektur im eigentlichen Sinne zu tun hatte, sondern einfach ein Teil des Geländes war, mit dem umgegangen werden musste.

Lucia kam der Turm noch lebloser vor als jeder natürliche Fels, aber den Menschen in der Siedlung ging es anders; sie hatte nun mehrfach Beschwerden über andauernde Geräusche und anderes gehört, und irgendwann begonnen, direkt danach zu fragen. Dann hatte sie zuerst mit den Sensoren in ihrem Implantat das Umfeld abgetastet, danach mit allen verfügbaren Geräten in ihrem Gleiter, und schließlich hatte sie sich von der Unabhängigen Sphäre ein mobiles Labor mit allerlei Instrumenten schicken lassen, mit denen sonst beispielsweise die Kommunikation zwischen Ameisen aufgenommen werden konnte. All dies ergab nichts.

Auch nach dem mutmaßlichen Angriff auf die Kolonie Selenes hatte Lucia keinen konkreten Auftrag erhalten. Die Selenen besaßen keine nennenswerte Weltraumflotte, und Aleph war mit einigen von ihnen auf der Gandiva unterwegs, um der Sache nachzugehen. Es war allen schon lange bewusst, dass Selene an einer der Fronten eines Bürgerkriegs lag, mit dem dieser Planet und seine Menschen an sich nichts zu tun hatten; aber die Galaxis war nicht so angelegt, dass sich darin Fronten wie eine Linie auf einer Karte ziehen lassen würden. Die Galaktische Patrouille schöpfte ihre Berechtigung gerade daraus, dass die Galaxis vor allem aus Zwischenräumen bestand, in denen sonst meistens niemand war; aber eben nur meistens. Vor hunderten von Jahren hatte die Patrouille noch die Res Publica vor dem totalen Kollaps bewahrt, aber aus heutiger Perspektive hätte das eine ganz andere Organisation sein können. Die Einsätze, die Lucia selbst miterlebt hatte, hatten immer auf die eine oder andere Weise mit Piraterie zu tun gehabt und entsprechend nichts mit interstellarer Politik (obwohl Menschen, die von Piraterie lebten, letzteres vermutlich anders sehen würden). Dies schien sich jetzt zu ändern, aber Lucia wusste noch nicht, was dies für sie bedeutete; abgesehen davon, dass sie auf diesem sonderbaren Planeten gestrandet war.

Als sie sich — ein Teenager auf einer kleinen Insel auf der Erde — vor einigen Jahren für die Ausbildung bei der Patrouille gemeldet hatte, fragten ihre Freunde sie, ob das nicht diese paramilitärische Truppe war. Das war keine Kategorie, die Lucia selbst nennenswert fand; sie mochte den Ozean und noch mehr die Vorstellung, dass das Weltall nur noch weiter war. Ihre Eltern und Geschwister waren nicht sonderlich angetan. Sie hatten nie verstanden, warum die junge Lucia sich in wirklich jeden Streit einmischen musste, und nun wollte sie ausgerechnet diese Charakterschwäche zum Beruf machen. Beruhigend war nur, dass sie dabei in Zukunft eine passende Organisation im Rücken haben würde.

In diesem Sinne wusste Lucia genau, was sie auf Selene zu tun hatte. Sie spazierte wieder zu der kommunalen Wabe, in der es Alles was du brauchst gab und bestellte sich einen Kaffee. Sie sah der Ladenbetreiberin eine Weile zu, wie diese sich um ihre Tomatenranken kümmerte, dann fragte sie: „Und dieses Brummen von den Türmen, weißt du noch, wann es dir das erste Mal aufgefallen ist?“

🌠🌠🌠

Rachel musste ihre Beine irgendwie um das Geländer vor sich wickeln, um auf der Brücke der Gandiva halbwegs entspannt sitzen zu können; aber vermutlich musste sie entspanntes Sitzen von Grund auf neu denken, wenn es unter Schwerelosigkeit stattfinden sollte. Die Reise war lang, und sie hatte sich dafür Lektüre mitgenommen. Gerade saß sie also mit einem dicken Buch im Sessel. Es war eine sogenannte Enzyklopädie: der Versuch einer viel früheren Gesellschaft, Wissen als eine Ordnung vorzustellen, indem einzelne Begriffe hervorgehoben und alphabetisch sortiert wurden. Diese Idee hatte sich selbstverständlich nicht durchsetzen können, aber Rachel war davon überzeugt, dass sich noch aus solchen historischen Sackgassen wichtige Schlüsse über den heutigen Stand der menschlichen Zivilisation ziehen ließen. Sie hatte dies Aleph gegenüber eher scherzhaft erwähnt; Alephs sanftes Lächeln stellte klar, dass der künstliche Mensch wohl auch die aktuellsten menschlichen Vorstellungen von Wissen bestenfalls mit Humor betrachtete.

Die Gandiva wurde merklich langsamer, ob nun automatisch oder auf eine Anweisung Alephs, die direkt an den Bordcomputer gerichtet gewesen war. Aleph stand direkt vor der großen Projektion und deutete auf einen Punkt zwischen den vielen anderen Punkten, die auf der Sternkarte der Region glitzerten. „Was ist das“, sagte der künstliche Mensch.

Rachel befreite sich aus ihrem Sessel und legte die Enzyklopädie auf dem Sitzpolster ab. In der Schwerelosigkeit blätterte sich das Buch auf und driftete bald langsam in den Raum. Rachel musste sich kurz an Alephs Schulter festhalten, um nicht in die Projektion hineinzuschweben. „Das lerne ich noch“, sagte sie und versuchte, irgendwie in der Schwerelosigkeit Fuß zu fassen.

„Das hier“, sagte Aleph, ohne weiter auf Rachels Manöver einzugehen. Sie folgte dem Finger des künstlichen Menschen zu dem gelblichen Punkt. Die Sternkarte gab noch schätzungsweise Geschwindigkeit und Ausmaße an; für ein deutliches Bild war es noch zu weit entfernt, was auch immer es war.

„Ist das ein Schiff?“, fragte Rachel. „Nein, zu groß.“

„Es wird langsamer“, sagte Aleph. „Es könnte auch aus der Reisegeschwindigkeit gedrosselt haben, nachdem es uns geortet hat. Vergrößern, bitte.“

Die Kamera erfasste zuerst noch nicht viel mehr als einen kantigen, rötlichen Fleck.

„Ist das eine Station?“, fragte Rachel. „Aber welche? Warum?“

„Zu schnell für eine Station“, sagte Aleph. „Es kommt uns genau entgegen.“

„Es kommt von unserer Kolonie“, sagte Rachel.

„Wir stoppen hier“, sagte Aleph. „Bitte Kurs automatisch einstellen auf einen Abstand von mindestens drei Klicks zu diesem Objekt.“

Das Ding auf dem Bildschirm nahm erkennbare, aber nicht unbedingt bekannte Formen an. Es war, in der Tat, ein Raumschiff, aber mit keinem der Schiffe zu vergleichen, die in den Flotten dieser Galaxis zum Einsatz kamen. Zum einen war es weitaus größer als noch das massivste Schlachtschiff oder selbst die Containerschiffe, die genug Güter und Rohstoffe transportieren, um selbst auf dem tristesten Brocken im Weltall eine Kolonie einzurichten und notfalls über Jahre hinweg zu versorgen. In der Mitte des Rumpfs drehte sich langsam, aber beständig eine zylindrische Sektion, wie sie vor allem auf größeren Stationen zur Erzeugung künstlicher Schwerkraft genutzt wurde. Spätestens mit der Einrichtung des Portalnetzwerks, das zuvor durch Lichtjahre getrennte Sternsysteme plötzlich zu Nachbarn machte, waren solche Module außer Gebrauch gekommen, aber für dieses Schiff schienen die üblichen Regeln kaum zu gelten. Es würde nicht einmal durch eines der großen Portale passen, stellte Rachel fest; wie kam jemand heute überhaupt auf die Idee, so etwas zu bauen?

Zum anderen sah es einfach anders aus. Rachel kannte die immer etwas klobigen Kreuzer und Fähren, die in den Werften der Res Publica gebaut wurden; als sie vor einigen Jahren zur Erde gereist war, wurde bei der Station am Portal gerade eines der alten Schlachtschiffe gewartet, um die herum die Flotte des interstellaren Verbundes angeordnet war. Die riesige Waffenplattform hing dort im All wie eine monströs gedeckte Tafel, die Geschütztürme und Generatoren ordentlich aufgereiht, anstelle eines Kandelabers die hell von innen erleuchtete Brücke mit ihren Radaranlagen und Sensortürmen. Die Flotte der Befreiten Sektoren hingegen kannte sie nur von Videos, die es auf irgendeinem Wege in die Nachrichtendienste Selenes geschafft hatten: Werbefilme des Regimes, das seine neue Kriegsmaschinerie präsentierte. Die schwarz glänzenden, schräg geschnittenen Formen hatten Rachel dunkel an die prähistorischen Faustkeile erinnertet, die sie in einem der Museen auf der Erde gesehen hatte, und genau so waren sie vielleicht auch gemeint.

Das Schiff, das nun aus der Richtung der verloren gegangenen Kolonie auf sie zukam, hatte mit alledem wenig zu tun. Es wirkte, als hätte jemand in einer ganz anderen Epoche etwas gebaut, das nur funktionell einem heutigen Raumschiff entsprach. Der Bug lief spitz zu und erweiterte sich zu der rotierenden Sektion hin zu einem sternförmigen Querschnitt; am anderen Ende umringten gewaltige Antriebe den Rumpf, zwischen Zweien die vielgeschossige Brücke. Die Hülle war mit einem warmen Orangeton gestrichen, als gehörte die Maschine in die Wüste oder an einen Strand, jedenfalls aber nicht in das kalte Vakuum zwischen den Sternen.

Die Gandiva setzte sich langsam wieder in Bewegung; offenbar hatte der Bordcomputer entschieden, sie auf einen Ausweichkurs zu bringen. Rachel hörte die anderen Menschen auf der Brücke gedämpft miteinander reden. Aleph hatte still die Hände gefaltet und starrte wie sie selbst auf das Ding auf der Projektion. Was auch immer es war: Wenn es den gleichen Kurs in entgegengesetzter Richtung nahm wie die Gandiva, war sein Ziel Selene.

„Unidentifiziertes Objekt hat seinen Kurs angepasst“, meldete die Stimme des Bordcomputers. „Nähert sich mit einer Geschwindigkeit von …“

„Ausweichen“, unterbrach Aleph, „mindestens fünf Klicks Abstand.“

„Eingehendes Signal“, rief jemand hinter ihnen.

„Ja“, sagte Aleph. „Auf den Schirm, bitte.“

Das Murmeln der Besatzung verstummte, als eine neue Projektion neben der Sternkarte erschien. Auch wenn die Kamera nur einen Ausschnitt von der Brücke des anderen Schiffes einfing, musste diese ebenso überdimensioniert sein wie das Schiff selbst. Um den Sessel des Kapitäns hatte sich ein gutes Dutzend weiterer Menschen zusammengefunden, viele von ihnen in beigen oder rötlichen Uniformen, einige noch in schweren Kampfanzügen, an denen im gedämpften Licht kupfern Ornamente und eingravierte Spruchbänder glänzten. Rachel wurde kalt. Sie sind aus einer anderen Welt gekommen, mit ihrem Schiff, dachte sie.

Der Mann im Kapitänssessel hatte es sich bequem gemacht, als würde er am Kamin eines Gasthofs sitzen und nicht auf der Brücke eines gigantischen Sternschiffs. „Und wer seid ihr?“, fragte er.

„Ich bin Aleph von der Galaktischen Patrouille.“

„Von der Galaktischen Patrouille“, wiederholte der Mann. „Und seit wann gibt es sowas?“ Rachel versuchte, den Dialekt des Mannes einzuordnen. Er klang entfernt wie das Hinglish, das sie auf Selene verwendeten, und vielleicht noch ähnlicher der Weise, wie Elvis sprach. Sie hatte Elvis vor ein paar Tagen (waren es ein paar Tage? Nach einer Weile auf der Gandiva hatte sie aufgehört, nach der Zeit zu schauen) in ihrem Haus zurückgelassen, aber sie sah auch jetzt keinen Anlass, ihm zu misstrauen. Beunruhigend fand Rachel am ehesten, dass sie selbst gerade nicht auf Selene war.

„Die Galaktische Patrouille wurde während des Klonfolge-Konflikts gegründet“, sagte Aleph sachlich.

„Das müssen wir wohl verpasst haben“, sagte der Kapitän. Sein Raumschiff war bereits durch die Fenster der Gandiva gut zu sehen. Auf der Sternkarte hatte der Bordcomputer eine taktische Ansicht eingeblendet: Gebogene Pfeile verzeichneten die vorausberechneten Routen der Schiffe und wurden alle paar Sekunden aktualisiert, wenn die Maschinen auf beiden Seiten jeweils ihren Kurs anpassten. Die Computerstimme sagte höflich die Änderungen durch, aber niemand hörte ihr mehr zu.

„Bitte gebt eure Flagge und euer Ziel an“, sagte Aleph. Der künstliche Mensch war bei einem höflichen Tonfall geblieben, dem Rachel in diesem Moment doch recht bewundernswert fand.

Der Kapitän des anderen Schiffes ließ sich Zeit. „Ich bin Eran Debro, Kapitän der Morgenröte“, sagte er dann. Er wirkt nur auf den ersten Blick fragil, in seinem großen Sessel, dachte Rachel. Sie versuchte, mehr aus den Gesichtern der Menschen auf dem Bildschirm herauszulesen. Sie schienen nicht einmal feindselig, nur: sehr ungeduldig. Auch war die Gandiva wohl nicht, worauf sie warteten, und noch das musste nichts Gutes heißen. Eine Frau in einer blauen Uniform schwebte ins Bild. Wie ein Fisch im Wasser, dachte Rachel, nur dass es eben soweit keine Lebewesen gab, für die Schwerelosigkeit ein natürliches Habitat war; aber was natürlich war, bestimmte sich schließlich durch das Leben selbst, und hier war wohl das Leben auf einem Raumschiff zur Natur der Menschen geworden.

„Was ist euer Ziel?“, fragte Aleph erneut, auch wenn es in diesem Moment wohl nur noch Rhetorik war. Die Manöver des Bordcomputers waren nicht erfolgreich gewesen. Das andere Schiff war schlichtweg zu groß: Es füllte bereits immer den Raum, in den die Gandiva hatte ausweichen sollen, und dass ein Ding von diesen Ausmaßen tatsächlich in der Lage war, seinerseits komplexe Manöver auszuführen, schien es auf einer viel elementaren Ebene unausweichlich zu machen. Die Wissenschaftsoffizierin der Gandiva hatte ihre Station verlassen und schwebte vor den Fenstern der Brücke. Draußen war nichts mehr anderes zu sehen als die rötliche Oberfläche des anderen Schiffes, durchbrochen von beleuchteten Fenstern, die dennoch viel zu weit entfernt waren, um dahinter etwas zu erkennen. Kraftfeldgeneratoren pulsierten bläulich am Rumpf wie Polypen an einem Riff. Wenn die Gandiva an diesem Schiff zerschellen sollte, wäre letzterem wohl kein größerer Schaden entstanden.

Eran Debro verzog die Mundwinkel. „Vielleicht sehen wir uns wieder, Galaktische Patrouille“, sagte er. Dann brach die Übertragung ab.

🌠🌠🌠🌠

Abelia wollte etwas sagen, aber sie war im Kopf nicht einmal die Hälfte der widersprüchlichen Argumente durchgegangen, als der Moment dafür schon vorbei war. „Darum müssen wir uns jetzt nicht kümmern“, sagte Eran Debro, während auf der Sternkarte vor ihnen der kleine Punkt des Schiffs der Galaktischen Patrouille zurückfiel. Er hat sicher recht, dachte Abelia. Nach dem Überfall auf die Kolonie war auf der Morgenröte und vor allem ihrer Brücke eine andere Stimmung aufgekommen. Während in Phase Eins hier einfach nur Zeit und Raum an ihnen vorbei gezogen waren, kamen nun viele Menschen aus der Besatzung und den unterschiedlichen Truppenteilen auf die Brücke, um was auch immer als nächstes geschehen konnte gemeinsam zu erleben. Abelia war hier, endlich, ganz bei ihnen. In diesem Teil der Galaxis war jetzt alles interessant, so weit sogar, das bestimmte Dinge — wie eben das Schiff dieser Patrouille — nicht einmal mehr interessant genug waren. Sie schaute dem kleinen Punkt auf der Sternkarte nach, bis er an dessen Rand verschwunden war.

🌠🌠🌠🌠🌠

Die Menschen, die sie auf der Kolonie gefangen genommen hatten, irritierten Eran Debro mindestens so sehr wie die Soldaten der Flotte, auf die die Morgenröte auf ihrer Reise zuerst gestoßen war. Es ging dabei nicht um die offenkundige Mutation, um die bei bestimmtem Lichteinfall metallisch glänzende Haut und die gespenstischen Augen. Auch hatten sie sich mit den Landungstruppen einen guten Kampf geliefert; er hatte bei Gesprächen nach dem Überfall sogar Bedauern darüber herausgehört, dass man ihnen keinen fairen Kampf geboten hatte, denn auch auf der Kolonie war zuerst die Pulswaffe der Morgenröte zum Einsatz gekommen und hatte so gut wie die gesamte Technik des Gegners unbrauchbar gemacht, bevor die Landungstruppen Fuß auf die Mondoberfläche gesetzt hatten. Aber für ein Kräftemessen auf Augenhöhe sollte es noch Gelegenheit geben, dachte Debro. Aus den Wracks der Flotte hatten sie die Flugpläne extrahieren können: Eines der Ziele war diese Kolonie gewesen, ein anderes der Planet, zu dem die Morgenröte jetzt unterwegs war. Die Flotte sollte sich aufspalten, vermutlich, um beide Ziele zu gleicher Zeit anzugreifen. Die Offiziere der Flotte hatten gegenüber Debro beharrlich über ihre Strategie geschwiegen, aber die neuen Gefangenen bestätigten zumindest, dass Kolonie und Planet zusammengehörten. Sie waren auf ihre Weise kooperativ, und Debro konnte sich vorstellen, sie in Zukunft und unter angemessener Aufsicht in die Besatzung der Morgenröte zu integrieren, damit andere bei längeren Flugstrecken in den Kälteschlaf zurückkehren konnten.

Und dennoch blieben sie irritierend. Sie gaben schulterzuckend Auskunft über die aktuelle Lage in der Galaxis, aber selbst die detailliertesten Informationen schienen noch Teil einer Strategie, um auf die wichtigen Dinge nicht einzugehen. Wenn ihnen Essen auf die Zellen gebracht wurde, erkundigten sie sich nach den Zutaten und danach, wie solche Mahlzeiten auf dem Planeten zubereitet worden waren, bevor man das Rezept für die Weltraumreise angepasst hatte; sie ließen sich bereitwillig zum Putzdienst im Gefangenenblock einteilen und kamen ein paar Tage später mit einer neuen Formel für das Putzmittel an, die besser zu der im Inneren der Morgenröte verwendeten Holzsorte passen würde. Debro war sich sicher, dass diese Leute die Besatzung der Morgenröte bisweilen belächelten, stellte aber fest, dass er hin und wieder mit ihnen über seine Leute oder sogar sich selbst lächelte. Das war grundsätzlich nicht schlecht: Wenn die Morgenröte sich in dieser für sie neuen Welt behaupten sollte, war es unumgänglich, sich der eigenen Schwächen bewusst zu werden. Ebenso war die Morgenröte kein exklusives Projekt: Es sprach nichts dagegen, dass die lächelnden Menschen mit den bleiernen Augen sich ihrerseits auf der Morgenröte behaupteten und diese so mit zu ihrem Projekt machten, selbst wenn eben die Irritation darüber blieb, was ihr Projekt sein mochte. Auf der Brücke des Schiffes vorhin hatte neben der seltsam unbestimmbaren Person von der Patrouille eine von ihnen gestanden; eine große Frau mit kupfernen Haaren, die in der Schwerelosigkeit um ihren Kopf waberten wie Feuer in Zeitlupe. Im Gegensatz zu seinen Gefangenen hatte sie nicht gelächelt und auch nicht gesprochen; sie war nur wütend und vielleicht etwas erstaunt gewesen. Interessante Zeiten, dachte Eran Debro. Gute Zeiten. Dann gab er den Befehl, die Morgenröte wieder auf Reisegeschwindigkeit zu bringen.

🌠🌠🌠🌠🌠🌠

Der Lüftungsschacht war ein älteres Modell, vielleicht noch aus Beständen der Res Publica oder anhand ihrer Pläne gebaut. Das war gut, denn bei diesem Modell lagen die Schrauben für die Lüftungsgitter innen frei, sodass sie mit dem entsprechenden Werkzeug herausgedreht und das Gitter sogar mit etwas Mühe wieder angebracht werden konnte. Anita Pastor war nicht stolz darauf, Lüftungsschächte nach Modell unterscheiden zu können, aber sie hatte in ihrem Leben wohl zusammengenommen eine längere Strecke durch Schächte kriechend verbracht als andere Menschen zu Fuß; irgendwann hatte sie gemerkt, dass sie instinktiv nach Lüftungsgittern suchte, wenn sie vor einem Gebäude stand, selbst wenn sie dieses ganz legal betreten konnte. Beim Hauptkommissariat auf Gliese Pacifica war letzteres nicht der Fall, und so hatte sich Anita morgens, als Lieferverkehr und Reinigungsmaschinen in den Straßen Radau machten, wieder auf dem Dach in einen Schacht gezwängt und durch die Infrastruktur des Gebäudes navigiert. Wie jeden Morgen in den letzten Tagen kroch sie in einer kleinen Abstellkammer aus dem Schacht; dann schob sie eine Kiste unter die Öffnung, um das Gitter provisorisch wieder anzubringen, auch wenn dem Muff nach zu urteilen seit Monaten niemand diese Kammer betreten hatte. Hinter einer anderen Kiste hatte sie ihren Tarnanzug versteckt. An ihrem ersten Tag in den Schächten des Hauptkommissariats hatte Anita viele Stunden lang diese verborgenen Wege unter den Decken und hinter den Wänden des Gebäudes erkundet; am zweiten Tag hatte sie dann mühselig die schwere Tasche mit dem Anzug durch die Schächte geschoben, um schließlich auch ungesehen die Korridore betreten zu können. Der Tarnanzug tat seinen Dienst, aber mit ihrem Nodium wäre alles viel einfacher gewesen: Das wundersame Armband brauchte nur einen einfachen Ganzkörperanzug aus lichtleitenden Fasern, in dem es sich gewissermaßen einnistete und alles weitere übernahm; aber Anitas Nodium war vermutlich irgendwo auf Gliese Atlantica, sicher weggeschlossen oder in einem Labor, wo sich jemand gerade die Zähne daran ausbiss wie über Jahrhunderte hinweg die Leute von der Galaktischen Patrouille. Der Tarnanzug, den Anita nun aus seiner Tasche holte und über ihre Kleidung streifte, wirkte im Vergleich wie ein früher Prototyp. Hinter der Oberfläche, die je nach Betrachtungswinkel zeigte, was an dieser Stelle jeweils ohne den Anzug und die Person darin zu sehen wäre, waren komplizierte Kamerasysteme und ein halbes Rechenzentrum untergebracht, das die Simulation in Echtzeit herstellte. Das Nodium vereinte dies alles auf nur ein paar Zentimetern, zuverlässiger und besser. Leider wusste niemand auch nur ansatzweise, wie es funktionierte.

Ausgeschaltet sah der Tarnanzug aus wie eine auf Menschengröße hochgezogene, besonders grobe Marionette. Anita setzte sich müde auf eine der Kisten. Über die Kameras des Anzugs konnte sie in seinem Inneren gut sehen; wichtiger war das Gehör, um Menschen in den Gängen und Räumen um sie herum orten zu können. Sie mochte noch so unsichtbar sein, Türen öffneten sich eben selten von alleine. Die Sicherheitsvorkehrungen des Hauptkommissariats waren dabei kaum nennenswert. Wer die Kontrollen am Eingang passierte, konnte sich soweit frei innerhalb des Gebäudes bewegen. Die Polizei der Befreiten Sektoren war, wie Anita festgestellt hatte, kein allzu präziser Sicherheitsdienst, sondern vor allem für repräsentative Zwecke und fürs Grobe zuständig. Beide Funktionen waren fast deckungsgleich, wenngleich mit einigem Zeremoniell verbunden.

Für die wichtigen Dinge blieben andere Institutionen zuständig: Das Büro für innere und äußere Grenzangelegenheiten, die Integrierte Zivile Auswertung. Anita hatte auf Gliese Atlantica oft vor dem ‚Büro‘ gestanden, einem hundertstöckigen Klotz, dessen niedrigste Fensterreihen erst weit über den Dächern der benachbarten Häuser ansetzten. Das Büro hatte keine Lüftungsgitter; es hatte stattdessen an allen Eingängen Luftschleusen, die noch den winzigsten Nanoroboter herausfilterten, den jemand bewusst oder unwissentlich in das Gebäude trug. Wenn die Gerüchte stimmten, würde einem die automatische Eingangskontrolle im Büro selbst noch ein Erkältungsvirus von den Nasenhaaren lasern, bevor es die Sicherheit im Gebäude gefährden konnte. Die Integrierte Zivile Auswertung hatte hingegen keinen eigenen Sitz; sie verteilte sich auf dutzende Datenbanken und Anwendungen, auf die Interfaces von Haushaltsgeräten und auf die tonnenförmigen Sicherheitsroboter, die durch die Städte schwebten und die Bewegungsflüsse der Menschen in den Straßen ebenso erfassten wie gegebenenfalls die Personalien der Menschen selbst. Auch die DNA-Überwachung gehörte streng genommen zur Integrierten Zivilen Auswertung; dass der Kommissar darauf Zugriff hatte, war wohl noch der Vorstellung geschuldet, dass bei solchen Angelegenheiten auch ein Mensch vor Ort verantwortlich sein müsste. Vielleicht nur, um zur Verantwortung gezogen werden zu können, wenn das System nicht ganz reibungslos funktionierte, hatte Anita gedacht, während sie in den Tagen im Hauptkommissariat den nichtsahnenden Mann hinter seinem Schreibtisch betrachtete. Schließlich war ein Polizist austauschbar; das System mit seinen unzähligen Komponenten selbst nicht. Trotzdem blieb dies eine Schwachstelle. Die Integrierte Zivile Auswertung durfte nicht dazu kommen, ihren Fehler zu erkennen.

Anita blieb noch ein paar Minuten auf der Kiste sitzen. Dann aktivierte sie die Tarnvorrichtung und verließ die Abstellkammer. Im Gang vor dem Büro des Kommissars stand sie längere Zeit neben einer großen Topfpflanze, bis sie sich mit einem Besucher endlich in das Vorzimmer und dann das Büro selbst schleichen konnte. Dort nahm sie ihren gewohnten Platz zwischen den schweren Fenstervorhängen und einem kleinen Stuhl ein, dessen bereits ausgeblichene Polster ansonsten keine Gebrauchsspuren auswiesen und so diese Ecke als eine markierten, die wohl nur für die nächtlichen Putzroboter interessant war. Im Dienst der Galaktischen Patrouille hatte Anita gelernt, Zeit schnell vergehen zu lassen. Über die Schulter des Kommissars beobachtete sie die Menschen, die ihn in seinem Büro aufsuchten; manchmal fragte sie sich, ob auch ihm auffiel, wie sie ihn anlogen oder doppelbödige Fragen stellten, oder ob dies sogar alles Teil eines korrupten Spiels war.

Stunden vergingen, bis der Kommissar schließlich sein Büro verließ, um im Ballsaal zum täglichen Pressetermin zu erscheinen (dass das Hauptkommissariat über einen Ballsaal verfügte, sagte schon alles, fand Anita). Im Publikum würde dann auch Mette sitzen; nicht zum ersten Mal, wie sie selbst gesagt hatte, denn mit einer gewissen Häme oder einer Freude am Risiko war sie nach manchen Aktionen des Untergrunds am nächsten Abend zu diesen Terminen gegangen. Über die Aktionen wurde dann zumeist nichts gesagt, aber auch dies hieß bereits etwas, und nebenbei konnte sich Mette aus der Ansprache des Kommissars und dem Geflüster der anderen Menschen im Publikum über das aktuelle Spektrum denunziationswürdiger Aktivitäten informieren.

Wenn alles nach Plan ginge, würde der Kommissar nach etwa einer dreiviertel Stunde wieder sein Büro betreten; seine Sekretärin würde ihn wie in den Tagen zuvor auf den neuesten Stand darüber bringen, was sich an diesem Tag angesammelt hatte und vielleicht liegen geblieben war; dann würde sie selbst das Gebäude verlassen, während der Kommissar über einem Glas Schnaps letzte Akten und Korrespondenz sichtete. Anita wartete noch fünf Minuten, bis sie aus ihrer Ecke kam.

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Sie stand wieder längst zwischen Stuhl und Vorhang, als der Kommissar die Schnapsflasche aus dem Schrank unter seinem Schreibtisch holte und sich ein halbes Glas einschenkte. Als er noch den ersten Schluck nahm, schlich sie bereits vorsichtig an seinen Sessel; das Betäubungsmittel am Glasrand wirkte schnell, und es wäre der Sache kaum dienlich, wenn er nachher mit dem Gesicht auf der Tischplatte und einer gequetschten Nase aufwachte.

Nachdem sie den bewusstlosen Mann halbwegs in seinem Sessel arrangiert hatte, horchte Anita kurz an der Tür zum Vorzimmer. Die Sekretärin war bereits gegangen, und so wartete sie an der Tür zum Gang, bis sie draußen Schritte und ein leises Räuspern hörte. Es war, tatsächlich, Mette. Anita ließ sie hinein und schloss die Tür wieder hinter ihr.

„Du bist hier, oder? Du stehst direkt vor mir? Ja?“, fragte Mette in den leeren Raum hinein, bevor Anita daran dachte, die Tarnvorrichtung des Anzugs zu deaktivieren.

„Uh“, sagte Mette, „kannst du nicht wenigstens diese Maske abnehmen? Das ist wirklich scheußlich.“

„Zu umständlich“, sagte Anita, obwohl sie sich das schwere Ding schon vor Stunden gerne vom Kopf gerissen hätte. „Wir haben eine halbe Stunde, bis er wieder aufwacht, und in spätestens einer Stunde geht der Sicherheitsdienst durch das Gebäude.“

Mette schreckte kurz auf, als sie das Büro betraten. Der Mann saß in seinem Sessel zusammengesunken da und hatte die Augen starr nach vorne gerichtet, direkt zu der Tür, durch die sie gerade kamen.

„Keine Sorge“, sagte Anita. „Er ist bewusstlos.“

„Alles klar“, sagte Mette, nachdem sie tief durchgeatmet hatte. „Ich habe das schon oft gemacht. Aber man weiß nie.“

Mettes Expertise in diesen Dingen war dann auch schnell ersichtlich. Durch dünne Handschuhe tastete sie vorsichtig den Hinterkopf des Kommissars ab, bis sie unter seinem Ohr den kleinen Anschluss zu seinem Implantat gefunden hatte; mit einer knappen Bewegung holte sie ein Kabel aus ihrer Jacke, um es in den Anschluss und das Pendant an ihrem eigenen Hinterkopf zu stöpseln. Danach zog sie sich einen Satz von Schlaufen über die Finger der rechten Hand und befestigte sie an den Fingergliedern des Kommissars. Wenn sie mit der anderen Hand seinen Arm stützte und ihre Finger bewegte, bewegten sich die Finger des Mannes mit. Das Mittel, mit dem Anita den Kommissar betäubt hatte, wurde sonst in Krankenhäusern verwendet, um auf defekte Implantate zugreifen zu können; privat war es entsprechend nicht erhältlich, aber das kümmerte die Galaktische Patrouille wenig. Mettes Augen wurden leer, während sie sich in das Gehirn des Kommissars hackte, aber am Zucken ihrer Mundwinkel konnte Anita ablesen, wann sie eine Sicherheitssperre überwunden oder eine relevante Information gefunden hatte. Ein paar Minuten später spannte sich über dem Schreibtisch eine Projektion auf. Mette tippte sich mit den Fingern des Kommissars durch Menüs und tief in den Code der DNA-Überwachung hinein. Anita betrachtete lieber weiterhin Mettes Mimik; sie war ihr im Vergleich zu dem Code wenigstens nicht ganz unverständlich.

Irgendwann blinzelte Mette, entfernte die Schlaufen von ihrer Hand und derjenigen des Kommissars und dann das Kabel zwischen ihren Köpfen. „Fertig“, sagte sie. „Er sollte sich an nichts erinnern können.“

„Ihm fehlt eine halbe Stunde. Vielleicht schiebt er es auf Übermüdung. So oder so müssen wir uns beeilen.“

Anita aktivierte wieder ihre Tarnvorrichtung, bevor Mette die Tür hinter ihnen schloss. Auf den Gängen waren bereits die ersten Putzroboter unterwegs.

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Der Informationskanal der Polizei auf Gliese Pacifica war für alle leicht zugänglich. Das war kein Versehen, denn die Polizei baute darauf, dass sich dank der Hinweise auf Kriminelle oder andere Fälle öffentlichen Ärgernisses schnell eine kritische Masse an gewaltbereiten Zivilpersonen bildete, die sich des Problems schnell und spektakulär annehmen würden. Die Polizei selbst brauchte dann nur etwas zu spät zu kommen, die Menschen mit einer kursorischen Ermahnung nach Hause zu schicken und die Putzkolonne zu bestellen. Heute Morgen stand der Kanal unter Strom.

Mette hatte nur ein Detail an der Software für die DNA-Überwachung verändert. Sobald die Sensoranlagen organisches Material aus der Luft filterten, wurde es zuerst auf Erbgut untersucht; falls sich die DNA als menschlich erwies, wurde sie gegen die Datenbank abgeglichen und dann gegebenenfalls ein Signal ausgegeben, wenn die DNA einer Person erkannt wurde, die auf einer Fahndungsliste stand oder aus irgendeinem Grund am falschen Ort war. Das war bei weitem kein präzises System, konnte aber Hinweise liefern, die mittels anderer Methoden nicht aufgekommen wären. Mette hatte an der Stelle angesetzt, an der die aufgenommenen DNA-Sequenzen mit denjenigen in der Datenbank verglichen wurden. Da nicht alles am menschlichen Erbgut für diese Auswertung relevant war, verglich die Software nur Ausschnitte; nun hatte Mette eine kleine Funktion in den Code geschleust, die diese Ausschnitte bei jedem Durchlauf neu bestimmte. Dies konnte bei einem Durchlauf gar keine Auswirkung haben, bei einem anderen lag der Ausschnitt dann auf einem Teil der DNA-Sequenz, der mit großer Wahrscheinlichkeit bei den meisten Menschen identisch war und vielleicht auch bei dem einen oder anderen Haustier und der Bananenschale im Abfalleimer. Nachdem also Mettes Version der Software verbreitet worden war, registrierten die DNA-Sensoren plötzlich überall und nirgends Spuren der Menschen, die irgendwann auf die Listen der Integrierten Zivilen Auswertung gekommen waren; den Behörden blieb nichts anderes übrig, als sich in erhöhte Bereitschaft zu versetzen. Für sie gab es jetzt nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder war das System fehlerhaft, oder der Feind war tatsächlich überall. Da die Befreiten Sektoren ihren Staat auf der Vorstellung aufgebaut hatten, dass der Feind überall war, musste diese Erklärung zumindest pro forma als die schlüssigere angenommen werden. Die Sicherheitsorgane würden die nächsten Tage mit nichts anderem beschäftigt sein können als Personenkontrollen, ohne Ende und Ergebnisse.

Anita blendete den Kanal der Polizei aus und öffnete einen ganz anderen; einen der vielfach verschlüsselten Kanäle, die von der Galaktischen Patrouille für ihre riskanteren Operationen eingerichtet und gewöhnlich nach der ersten Verwendung aufgegeben wurden. Rufus, der Schmuggler, hatte ihr ein Kommunikationsterminal besorgt, das bei Bedarf ebenso entsorgt werden konnte. Jetzt saß er in der anderen Ecke des Containers und ging irgendwelche Listen durch. Der Container stand auf einem verlassenen Abstellplatz am Stadtrand, und vor dem Eingang des Containers stand wiederum Mette und lächelte die blasse Mittagssonne an. Rufus konnte ihre gute Laune nicht teilen, aber auch ihm musste klar sein, dass er auf diesem Planeten keine Zukunft hatte, wenn nicht zwischendurch das ganze System niedergerissen wurde. Entschuldigen werde ich mich später, dachte Anita, damit brauche ich jetzt noch gar nicht anzufangen.

Dann kam durch den Kanal ein Signal herein. Anita rief das Bild auf. „Sergio“, sagte sie, „du bist noch da.“

Der Mann auf der Projektion vor ihr fuhr sich mit einer Hand ein paar Mal über das Gesicht und durch die Haare. „Anita“, sagte er, „Ja. Auf Atlantica. Wo bist du?“

Anita spürte, wie eine Träne ihre Wange hinablief. Sie kannte Sergio Brakka kaum, wie sie alle der jüngeren Menschen in der Galaktischen Patrouille immer nur kaum kannte. Brakka war in die Befreiten Sektoren geschickt worden, als hier bereits einiges im Argen lag; Anita selbst war kurz darauf ins Visier der Behörden geraten und auf Gliese Noctis interniert worden. All dies kam jetzt zurück. Brakka sah nicht gut aus, und der kleine Raum, von dem aus er sendete, schien noch heruntergekommener und abseitiger als dieser Container.

„Ich bin auf Gliese Pacifica“, sagte Anita. „Wir holen dich da raus, bald. Ich muss nach Atlantica, mein Nodium finden.“

„Pass auf“, sagte Brakka und knetete nervös seine Nasenspitze, „jemand hat ein Paket von Daten gestohlen. Das sind auch Daten zur Verteilung der Ressourcen in den Sektoren. Sie sind schon etwas älter.“

Anita akzeptierte wie automatisch den Datentransfer und sah, wie sich der kleine Balken zum Stand der Übertragung langsam füllte. „Und“, sagte sie.

„Die Sektoren haben sich verschätzt. Das reicht alles nicht, diese ganzen Infrastrukturprojekte, das war zu groß gedacht. Sie haben Prognosen gemacht. Sie sehen alle sehr schlecht aus.“

„Ja“, sagte Anita und dachte an die unüberschaubare Baustelle inmitten der Hauptstadt auf Gliese Atlantica, bevor hinter den Gerüsten schließlich der riesige Klotz des Büros für innere und äußere Grenzangelegenheiten zum Vorschein gekommen war; hier wurde eine ganze Stadt verbaut, die nichts zum Leben beitrug, sondern nur Ordnung schaffte.

„Sie wissen also, dass das nicht gut geht“, sagte Brakka. „Aber dann passiert etwas: Ein Teil der Ressourcen geht plötzlich an die Marine. Das Ganze wird unter einem eigenen Posten verbucht, es heißt: ‚Neue Ernte‘.“

„An die Marine?“

„Ich kann das nur schätzen“, sagte Brakka, „aber mit diesen Ressourcen kann man eine ganze Flotte bauen. Und jetzt pass auf. Es gibt noch einen zweiten Satz von Prognosen. Da kommt dann ‚Neue Ernte‘ als Variable wieder ins Spiel, und plötzlich sieht die Zukunft wieder viel besser aus. Was auch immer ‚Neue Ernte‘ ist, es soll den ganzen Haushalt der Sektoren sanieren.“

„Wann“, sagte Anita. Der Balken hatte sich etwa bis zur Hälfte gefüllt.

„Bald. Jetzt. Die Ressourcen für die Marine sind schon lange verbucht.“

„Die Res Publica hat Schiffe vor Pacifica. Wenn ‚Neue Ernte‘ eine Flotte ist, kann sie hier nicht vorbei.“

Brakka hatte von seiner Nasenspitze abgelassen und kaute auf seinem Daumen herum.

„Selene“, sagte Anita.

Mein Nodium kann warten, dachte sie, nachdem sie den Kanal wieder geschlossen hatte. „Rufus“, sagte sie zu dem verloren wirkenden Mann in der anderen Ecke des Containers, „wir brauchen ein Schiff. Und alle eurer Leute.“

Vorschau: Auf einem verlassenen Mond reihen sich Gräber aneinander, doch nicht alle gehören zusammen. Lucia Lem möchte einen Verdacht ausräumen und sucht das passende Werkzeug. „Ich würde eine Geschichte erzählen“, sagt Elvis. „Was sonst?“

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Jacob Birken

Writer, researcher. Interested in ideas about history & historicity, and their mediation in arts & pop culture.